„Nett hier. Aber waren Sie schon mal in der Roßstallbar?“ Das ist eine Frage auf einem Flyer, den mir mein Freund Johannes 2024 als Einladung schickt. Es geht um das Musikfest Altenau. In einem kleinen Dorf in Oberbayern. Organisiert von der örtlichen Blaskapelle. Gemeinsam musiziert wird nur alle 10 Jahre. Diesmal zum 7. Mal.
Mein Interesse steigt. Es ist eine Region, eine Tradition, die ich noch nie besucht habe. Ich sage meinem alten Schulfreund zu.
Als ich mein Studium wegen einer schweren depressiven Episode unterbrechen musste, zog ich 2011 zurück in meine Heimatstadt. Damals waren all meine männlichen Schulfreunde schon weggezogen. Nur Johannes war noch da. Er arbeitete in einer Praxis für Physiotherapie. In der Freizeit trafen wir uns oft zum Sport: Fitness, Schwimmen und Fußball waren damals unsere Hauptbetätigungsfelder.
Dieser Kontakt und diese Konstante war für mich damals extrem wichtig. Deshalb bin ich Johannes für diese Zeit wirklich dankbar. Und wir blieben bis heute verbunden. Von seinem nächsten Wohnort Bodensee bis heute nach Bayern.
Mit dem Zug aus München kommend, sehe ich wie mit fortschreitender Zeit, die Natur immer idyllischer wird. Es ist Mai. Die Sonne scheint. Die Wiesen sind saftig grün. Und das schneebedeckte Hochgebirge um die Zugspitze zeigt sich langsam. Bayerischer geht es nicht mehr.
Altenau mit seinen 644 Einwohnern hat einen eingleisigen Bahnhof. Mein Freund steht am Gleis und nimmt mich in Empfang. Genau hier beginnt mein viertägiges Abenteuer Altenau.
Ich ziehe meinen Koffer über den Dorffußballplatz zu den Schwiegereltern. Hier wohnt Johannes mit seiner Freundin Beatrix, die sich gerade vor dem Spiegel schick macht.
Sie trägt Tracht. Genauso wie Johannes. Die beiden sehen fesch aus.
Gemeinsam laufen wir entlang vieler Bayernfahnen, die vor jedem Haus gehisst sind, zum Altenauer Dorfwirt. Dort an der Dreierkreuzung, drängen sich die Menschen in Tracht. Ich bin Zeuge des Sternmarsches mit den benachbarten Musikkapellen. Anschließend zieht das ganze Dorf hinter den Kapellen ins Bierzelt ein. Das Musikfest ist endlich eröffnet.
An diesem Abend bestelle ich meine erste Maß Bier. Ich stoße mit Johannes und mit mir unbekannten Sitznachbarn an. Die Stimmung ist gut. Alle sind friedlich und freundlich. Es gibt nicht mal eine Security. Und das, obwohl mehr Menschen im Bierzelt sind, als Altenau Einwohner hat.
Man kennt sich. In Altenau. Und in den Nachbargemeinden.
Je mehr Bier an die Tische gebracht wird, desto ausgelassener wird die Stimmung. Auch ich merke die Wirkung des Gerstensafts schnell. Die feschen Buam von den verschiedenen Handwerkszünften, erkennbar an ihren metallischen Ansteckern an ihren Filzhüten, steigen zuerst auf die Bänke. Das Zelt zieht mit. Es ist ein großes schaukeln, schunkeln und grölen. Und ein ständiges auf die Toilette rennen. Natürlich setzen die starken Handwerker-Spezln noch eins drauf: Sie stemmen einen Tisch in die Höhe. Darauf steht ein Exemplar ihrer Zunft und trinkt die Maß auf Ex.
Danach reckt er standfest den leeren Krug in die Höhe. Wie als Beweis für die Menge. Läuft!
Um etwa 1 Uhr spielt die Blaskapelle im Zelt ihren letzten Takt. Das Bierzelt mit seinem besonderen Gemisch aus Schweiß, Alkohol und deftigem Essen, wird jetzt geräumt.
Ab dann kommt die Roßstallbar ins Spiel. Sie liegt direkt neben dem Zelt. Sie ist wirklich ein Stall. Und denkmalgeschützt. Umgeben von Steinmauern und einer sehr niedrigen Decke wird sich hier ab jetzt Hochprozentigem gewidmet. Und obwohl es sakrisch eng ist, spielt auch hier eine kleine Bläßerkombo.
Beatrix steht heute Abend hinterm Tresen. Sie nimmt bis in die frühen Morgenstunden Bestellungen entgegen, die ich zwecks des heftigen Dialekts und der immer loser werdenden Zungen nicht mehr verstehen würde. Gegen halb vier Uhr verlasse ich den Stall. Ich laufe unter klarem Sternenhimmel vorbei an vielen Bayrischen Rautenflaggen zu meiner verdienten Nachtruhe. Was für ein Tag!
Am nächsten Morgen bestelle ich eine Cappuccino beim Dorfwirt. Ein zentraler Ort, der von den Altenauern selbst wieder zum Leben erweckt wurde. 10 Jahre stand die Wirtschaft leer. Mit der Aktion Ein Dorf wird Wirt haben sie es gemeinsam gekauft, renoviert und umgebaut. Heute bewirtschaften sie das Haus als Dorf in einer Genossenschaft selbst. Eine zweite Genossenschaft bewirtschaftet den dazugehören Dorfsaal.
Genau hier stand mein Freund im lokalen Theaterverein als Laienschauspieler schon mehrmals auf der Bühne. Man kennt Johannes, im Bierzelt und ihm Dorf, vor allem aus seiner Rolle als schwäbischer Filialleiter im Theaterstück Kaufhaus im Trouble.
Über die vier Tage hinweg, sehe ich immer wieder die gleichen Menschen.
An verschiedenen Orten. In verschiedenen Funktionen. Das ganze Dorf packt an. Auch und besonders beim Musikfest. Ehrenamtlich und ehrlich.
Auch Johannes ist wie jeder andere, am nächsten Tag für den Vorschank im Bierzelt eingeplant. Die gezapfte Menge des Gerstensafts, natürlich angegeben in Hektolitern, sind dann am nächsten Tag die Hot News im Musikfest-Whats-App-Kanal.
Jeder soll auf diesem einzigartigen Fest auf seine Kosten kommen: vegetarische Speisen und alkoholfreies Bier ist mittlerweile Standard. Und auch musikalisch: Der Freitag gehört den Jungen mit dem böhmisch fetzigen Abend der Blaskapelle Gehörsturz. Der Samstag ist der traditionelle Doppeltanz mit Alpensound und den Hallgrafen Musikanten. Und am Sonntag gibt es die Feldmesse mit Frühschoppen und der Musikkapelle Boos sowie der traditionelle Festausklang mit der Musikkapelle 6er Gspann.
Für mich ging das Abenteuer Altenau, von dem ich davor nicht die leiseste Ahnung hatte, mit der Messe vor wunderschönem Bergpanorama unter Sonnenhimmel zu Ende. Es hat mir viel Spaß gemacht herauszufinden, wie ein kleines Dorf im tiefsten Bayern so tickt. Und vier Tage davon Teil gewesen zu sein. Eine schöne Zeitreise in eine wirklich andere Welt.
Beatrix und Johannes heiraten bald.
Abenteuer Altenau.
Fortsetzung folgt.
