Jeder professionelle Sportler begibt sich vor jeder neuen Saison in ein Trainingscamp. Eine intensive Zeit der physischen und psychischen Standortbestimmung. Oftmals verbunden mit hartem Training auf die kommenden Aufgaben.
2018 checkte ich erstmals in Las Palmas im HiTide-Hostel ein. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass diese Großstadt am Meer das Terrain meiner zukünftigen Camps werden würde. Bisher zum fünften Mal. Und immer im Januar.
Der Name des ersten Monats des Jahres entstammt dem römischen Gott Janus. Er steht für Anfang und Ende. Und genauso verstehe ich ihn auch für mich: Januar ist Innehalten. Neuausrichtung. Neubeginn.
Wenn ich im neuen Jahr auf die nach Gran Canaria fliege, lasse ich die intensive Weihnachtszeit, den Jahreswechsel und meinen Alltag mit all seinen Verpflichtungen hinter mir.
Endlich Zeit nur für mich. Zeit, bei mir selbst einzuchecken.
Die Bausteine meines Trainingsplans:
Meditation früh morgens am Meer, Musik hören, Yoga-Stunden verschiedener Levels, Wellensurfen, Bodysurfen, tanzen im Meer, jonglieren, am Calesthenics-Park trainieren, gesundes Essen in der Markthalle einkaufen und zubereiten, Cafés besuchen, Menschen beobachten, am Strand sonnen, Spaziergänge, Bücher lesen, Neues ausprobieren, Ausflüge machen, mich aushalten, in Begegnungen gehen, mich abgrenzen, Erfahrungen aus (Selbst)-Gesprächen und Beobachtungen bekommen, Tagebuch schreiben und natürlich gut schlafen.
Jeden weiteren Tag in diesen zwei Wochen kann ich spüren, wie ich immer mehr zu mir komme. In diesem Prozess könnte die Leitfrage meines Trainingscamps lauten: Miro, wie stehst du da?
Körperlich: Auf der Yogamatte (Dehnung), dem Surfbrett (Balance), der Klimmzugstange (Kraft)?
Geist-Ich: Wie sind meine Gedanken? Wer spricht da? Bin ich das?
Seelisch: Wie fühle ich mich? Was darf noch nicht gefühlt werden? Was braucht meine Seele?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich meine Gedanken und Gefühle im Camp deutlicher wahrnehmen kann. Oder sie sind abseits des getakteten Alltags einfach besser wahrnehmbar. Für mich bedeutet das: gute Voraussetzung für neue Erfahrungen. Erkenntnisse. Entwicklungen.
Glücklicherweise habe ich auf meinen Trainingscamps immer gute Lektüren dabei, die zum Teil wegweisend für mein Leben wurden. Nicht nur habe ich hier meine erste Verfassung geschrieben, auch das Buch Hochsensibel – was tun? von Sylvia Harke hat mir damals viele Türen zu mir und meinem Wesen eröffnet. Ich erkannte mich in den 500 Seiten sofort wieder. Das Buch war eine gefühlte Verständnisreise zu mir selbst.
Natürlich klingen zwei Wochen im Januar bei 25 Grad am Stadtstrand von Las Palmas für jeden Außenstehenden super. Ist es auch. Aber dieses Camp, auf dem ich mein eigener Trainer bin, ist für mich immer auch ein Drahtseilakt auf dem Seil der Balance. Nochmal im Meer surfen, obwohl mir noch alles weh tut? Ist das Miro, oder mein innerer Antreiber? Zum Yoga in die Masterclass zu Alberto? Ist das gesunder Ehrgeiz oder wieder mein Ego? Will ich mein Abendessen alleine einnehmen und mit mir gut im Kontakt sein oder doch lieber mit den Leuten vom Hostel heute noch steil gehen?
Miro, was willst du? Jetzt?
So geht das die ganzen zwei Wochen lang! Zu meinem Vorteil geben mit meine Werte einen guten ersten Aktionskorridor. Und gleichzeitig sind solche Camps auch immer gut, etwas auszuprobieren. Innere Überzeugungen mal wirklich zu überprüfen. Experimente machen. Altes abstreifen. Und diese Erfahrungen dann in die eigene Ausrichtung für das neue Jahr mitzunehmen.
Nach zwei Wochen Trainingscamp reicht es mir. Gut erholt, deutlicher fitter, etwas brauner und mehr bei mir, freue ich mich dann im Februar auf mein Zuhause. Zum Glück kann ich mich zurück im kalten Deutschland noch lange an den intensiven Begegnungen mit mir und vielen anderen erwärmen.
