Im Oktober 2019 landetet ich mit einem riesigen Frachtschiff in jenem Land, wo angeblich Milch und Honig fließen: Erez Israel. Mein Sabbatjahr führte mich direkt in einer der teuersten Städte der Welt: Tel Aviv.
Die Realität war: Ich hatte keine Arbeitserlaubnis. Kaum Geldreserven. Und alles war teuer.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich mir nach über einem Monat in der Stadt mein erstes kühles Bier beim Ausgehen gönnte. Davor hatte ich mich immer vor den 8€ gedrückt.
Für die ersten sechs Wochen hatte ich zum Glück einen kleinen Puffer. In dieser Zeit war ich Freiwilliger im Little Tel Aviv Hostel. Frühstück machen. Betten beziehen. Wäsche zusammenlegen. Im Gegenzug bekam ich ein Bett im Schlafsaal und durfte mich am Kühlschrank bedienen.
Nach einem Anstoß meiner damaligen israelischen Freundin, entschloss ich mich am 21. November dazu meine Finanzlage offensiv anzugehen:
Mit meinem Fahrrad und Birkenstock-Sandalen unternahm ich eine Model-Agentur-Tour durch Tel Aviv. Ich klingelte an der Tür. Ohne Vorankündigung.
Meine erste Station war die Roberto Models Agency. Innen herrschte geschäftiges Treiben. Nachdem ich vorgesprochen hatte, machte ein Mann ein kurzes Video von mir. Darin sollte ich mich locker und authentisch vorstellen. Danach füllte ich noch ein Formularblatt mit persönlichen Daten aus. In diesem Moment lief im Foyer eine Dame, die hier sicherlich irgendwas zu sagen hatte, auf hohen Absätzen und mit zwei kleinen Hunden im Schlepptau an mir vorbei.
„Wer bist du?“
„Ich bin Miro aus Deutschland und mache gerade ein Sabbatjahr. Ich will mir mit Modeln etwas dazu verdienen und eine neue Erfahrung machen“, entgegnete ich ihr.
„Du könntest auch bei meinem Bruder wohnen. Er ist cute.“
Miro hatte verstanden. Sex für eine kostenlose Unterkunft. So verzweifelt war ich nicht. Ich lehnte natürlich ab.
Nächste Station: Yuli Group. Die zwei schicken Damen im Hochhaus sind über meinen Besuch etwas überrascht. Leicht verschwitzt warte ich mit meiner Fahrradtasche noch etwas im Vorraum. Ich werde aufgerufen. Am großen Glastisch im Büro erzähle ich den beiden meine Geschichte. Anschließend stellen sie mir noch ein paar Fragen, wie: Trainierst du regelmäßig? Bist du tätowiert? Zum Schluss schießen die Damen ein Foto von mir und nehmen meine Kontaktdaten auf.
Die dritte Adresse, die ich mit meinem Fahrrad ansteuere, scheint nicht mehr aktuell zu sein.
Somit endet meine kleine Model-Vorstellungs-Tour.
Von den beiden Agenturen werde ich nie mehr etwas hören.
Im Dezember sieht meine damalige Freundin in Facebook einen Aufruf: Darin werden europäische Gesichter für ein Kampagne für CBD-Produkte gesucht. Für die Bewerbung brauchen sie ein aktuelles Bild. Meine Freundin schickt eins. Darauf trinke ich Dosenbier beim Fußball-Derby zwischen Maccabi und Hapoel Tel Aviv vor dem Bloomfield-Stadion. Dean, der Manager der Kampagne, ist von meinem europäischen Look überzeugt. Und lädt mich zum Shooting ein.
Im Februar fahre ich zum ToHa Tower 1. Ein 110 Meter hoher Büro-Gebäude-Komplex. Andere Bezeichnung: Der Eisberg. Mit dem Aufzug geht es blitzschnell hoch auf die Etage zu meinem Auftraggeber Canzon. Ein junges Start-Up, welches CBD-Öle, E-Liquids, Balsame, Cremes und Hautbehandlungen verkauft. Ich treffe erstmals Dean, den Fotografen, ein Modelhund und die anderen Models. Auch sie kommen alle aus Europa.
Am Anfang gibt es Kaffee und Snacks. In entspannter Runde lerne ich Regis aus Frankreich kennen.
Das selbstbezeichnete „Age-is-just-a-number-Model“ wird von der Yuli Group gemanagt und kann es nicht begreifen, dass er mich nicht auf Instagram findet. Willkommen in der Modelwelt!
Da ich keinerlei Erfahrung vor der Kamera habe, bin ich trotz lockerer Stimmung und etwas chaotischer Organisation leicht angespannt. Zuerst werden Bilder mit den anderen Models auf der Etage gemacht. Schließlich werde ich Casey zugeteilt, einem Model aus Australien. Anscheinend ist sie auch im israelischen TV bekannt, wenn es darum geht, eine blonde Frau europäischen Typs zu besetzen. Canzon braucht für das Shooting diese Gesichter, weil das Unternehmen sich auf dem europäischen Markt etablieren will.
Am Set tropft mir Casey mit der Pipette CBD-Öl in den Mund. Der Fotograf sagt mir, ich solle die Augen auflassen. Leichter gesagt. Als getan.
Es folgen weitere Shootings mit Casey. Am Tischkicker. Beim Auspacken von CBD-Produkten. Und mit mir alleine.
Dann geht es noch ins Freie. In einem angrenzenden Hinterhof voller Graffiti, reibe ich mir jetzt in Sportkleidung CBD-Creme auf’s Knie. Diesmal werde gefilmt.
Mit Einbruch der Dunkelheit geht meine erste Modelerfahrung zu Ende. Aufregend. Anstregend. Begenungsreich.
Auf dem Konto meiner Freundin befindet sich wenig später das erste Geld, welches ich in Israel verdiene.
Dann kommt Corona. Kontakte brechen ab. Ich habe nie wieder etwas von den Fotos gehört.
Bis ich für diesen Artikel recherchiere.
Natürlich auf Instagram.
