Ein großer Tag steht in Gambia an. Heute werden in der St. Matthews School in der North Bank Region sechs nagelneue Klassenzimmer eröffnet – der sogenannte Ingo Roth Memorial Classroom Block.
Im Schulhof steht ein kleinerer Mann mit grauem Haar und Brille. Er hält drei Mikrofone in seiner rechten, sein Manuskript in der linken Hand. Um ihn herum sitzt die Schulgemeinschaft samt Ehrengäste: Rund 250 Menschen.
„Welche Führungspersönlichkeiten soll unser Land einmal bekommen, wenn wir bisweilen so miteinander umgehen, wie ich es hier auf dem Schulgelände bei meinen Besuchen erlebt habe? Wir brauchen mehr Disziplin, Respekt und Verantwortung,“ sagt Anthony Blain mit klarer Stimme vor versammelter Schulleitung, Kollegium, Kindern und Eltern.
In solchen Momenten fühle ich, dass Menschen wie Anthony es geschafft haben, innerhalb ihrer Lebenszeit eine starke Persönlichkeit zu entwickeln. Klare Werte. Klare Kontur. Klare Kante.
Vor wenigen Jahren haben die Schülerinnen und Schüler hier noch während des Unterrichts im Sand gesessen. Jetzt hat die Schule wohl eine der modernsten Klassenzimmer des Landes. Und Anthony einige graue Haare mehr.
Die Spendengelder von Privatpersonen und Firmen aus Deutschland sind zu 100% in den roten Klassenzimmern mit modernen Whiteboards für jeden sichtbar angekommen. Dafür steht Anthony. Mit seiner ganzen Persönlichkeit.
In seiner Rede listet er penibel jeden gambianischen Dalasi auf, der an dieser Schule verbaut wurde. Vom großen Zementsack bis zur kleinsten Schraube. Anthony selbst nimmt für all seine Koordinierungsarbeiten keinen einzigen Butut, wie er in seiner Rede lautstark vorträgt. Also keinen einzigen gambianischen Cent.
Alle Ausgaben sind sorgfältig dokumentiert. Vor versammelter Menge hält er jetzt den Ordner der Buchhaltung hoch. Zum Nachlesen für alle. Volle Transparenz in einem der korruptesten Länder der Welt. Anthony. Ehrenmann.
Im beruflichen Leben betreibt der Gambianer mit seiner Frau Angela einen Schreibwarenladen in der Hauptstadt Banjul. Genau hier hat er auch seinen Bruder Ingo Roth kennen gelernt. Der Deutsche aus Öhringen flog 1998 an die afrikanischen Westküste in den Urlaub. Der Hohenloher wollte in Gambia lieber die Dörfer im Hinterland als den Touristenstrand besuchen. Und traf so zufällig auf die Medina Kanuma Nursery School.
Zurück in Deutschland hatte Ingo einen Traum: Er müsse etwas für diese Kinder in einem der ärmsten Länder der Welt tun. Und Ingo tat es.
Bei seinen nächsten Besuchen, wollte er in Gambia Schulmaterial für die Kinder kaufen. Und wie es das Schicksal so wollte, die beiden würden wohl sagen: „wie es Gott wollte“, traf er zum ersten Mal auf seinen Bruder Anthony. Direkt vor seinem Laden.
Vereint ihm Geiste Gutes zu tun, arbeiteten die beiden seit 2003 offiziell zusammen. Mit dem gegründeten Verein für christliche, humanitäre Hilfe für Gambia Hohenlohe, später Gambiahilfe Hohenlohe, realisieren sie im kleinsten afrikanischem Land zusammen große Projekte. Im gleichen Jahr noch startet die erste Runde der kostenlosen Zahnarztversorgung – bis heute.
Es folgen sieben Schulen und Kindergärten, die seitdem unterstützt werden. Mit Schulmaterial. Infrastruktur. Essen. Aber niemals mit Geld.
2020 stirbt Ingo überraschend. Anthony trägt auf der Schulfeier ein weißes T-Shirt. Es zeigt ihn mit seinem Freund und Bruder. Darunter die Zeilen: „You will always live in my heart”.
Immer wenn ich mit Anthony selbst gesprochen habe, kann ich nur erahnen, was für eine besondere Freundschaft, Verbindung und Wertschätzung diese Männer zueinander wohl gefühlt haben müssen.
Der Gambianer führt den Traum und das Erbe seines Bruders fort. Anthony. Ehrensache.
Vom ersten Moment unserer Begegnung, spürte ich in Anthony eine unglaubliche Wärme, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Mit seiner aufmerksamen und menschenfreundlichen Art, hatte er einen großen Anteil daran, dass ich mich bei meinem ersten Afrikabesuch absolut wohl gefühlt habe. Und sein herzliches Lachen hörte ich immer wieder gerne.
Als Mitglied des Vereins war ich im März 2024 mit einer Kleingruppe nach Gambia geflogen. Neben der Eröffnung des neuen Schulblocks, wurden auch die anderen Projekte im Land besucht.
Anthony kündigt die Besuche aus Überzeugung nie an. Die Schulen und Kindergärten werden eines Tages von einem Kleinbus mit Weißhäuten aus Deutschland oder von ihm alleine überrascht. Nur so bekommen die Geldgeber ein authentisches Bild des geförderten Projekts, ist Anthony überzeugt.
Bei solchen Besuchen lässt er sich auch immer die gespendeten Lebensmittel, welche für ein ganzes Schuljahr reichen müssen, zeigen. Anthony kontrolliert und protokolliert dann die Bestände. Würde beispielsweise ein Reissack fehlen, dann würde er der Schulleitung eine klare Ansage machen. Hat er dagegen alles gecheckt, und alles befindet sich in der Wesley Contemporary Nursery School laut Plan an Ort und Stelle, dann sieht man Anthony auch mal mit einer Zigarette am Rand des Schulhofs. Er blickt nun auf etwa 100 fröhliche Kinder, die voller lautstarker Freude in der Pause einem gespendetem Fußball hinterher rennen. Nach dem nächsten Unterricht werden hier alle eine warme Mahlzeit aus Lebensmittelspenden bekommen – oftmals die einzige warme Mahlzeit für diese Kinder.
Anthony sieht in diesen Momenten zufrieden, fast schon glücklich aus.
Er selbst wurde in Großbritannien als Sohn eines Gambianers und einer irischen Mutter geboren. Früh hat er seine Eltern verloren. Deshalb kam er mit drei Jahren nach Gambia. Und wurde dort hauptsächlich von seinen gambianischen Großeltern erzogen.
Heute ist Anthony selbst ein praktizierender Katholik. „Aber nicht fanatisch“, schickt er gleich hinterher. „Gott hat dir ein Privileg gegeben, also teil es mit anderen Menschen“ – lautet sein unumstößliches Credo.
Bei einem Treffen in Deutschland sagt mir Anthony: „Mir ist mein Ruf egal. Mir geht es immer nur um die Sache“. Deshalb kann diese Persönlichkeit auch der versammelten Schulgemeinschaft den Spiegel vorhalten. Oder jeden Schulhausmeister nerven, der bei seinen Überraschungsbesuchen wieder einmal die vielen Lebensmittel-Schränke aufschließen muss. Oder offen kritisieren, wenn er den Eindruck hat, dass in den Projekten etwas falsch läuft. Denn lieber hat Anthony einen schlechten Ruf, als das die Schulkinder auf eine warme Mahlzeit am Tag und ihr Recht auf Bildung verzichten müssen.
Er selbst fühlt sich von seinem jahrelangen ehrenamtlichen Engagement belohnt. Und das trotz vieler Herausforderungen und zehrenden Kämpfen, die dabei immer mehr auf Kosten seiner Gesundheit gehen. Aber Anthony ist überzeugt: „Alles Gute, was du tust, kommt irgendwie zurück“. Und überhaupt: „Wenn ich sehe, wie Kinder in ihrer Schule selbst den Müll aufräumen – das sind die Momente, für die ich lebe.“
