Der letzte Tag des Jahres zählt zu meinen Lieblingstagen.
Schon als Kind wollte ich unbedingt den Jahreswechsel miterleben. Damals wurde ich aber meistens vor Mitternacht zu müde, schlief ein und wachte erst im neuen Jahr wieder auf. Irgendwann aber hielt der kleine Miro bis zur obligatorischen Kultsendung Dinner for One durch. Mit zunehmendem Alte hatte ich es dann irgendwann geschafft: mein erstes Feuerwerk um Mitternacht.
Das Millennium im Jahr 2000 war mein erstes bewusstes Silveslter. Die Menschen machten sich damals ernsthafte Sorgen, ob die Welt beim Jahreswechsel stehen bleiben wird. Manche sogar, ob sie untergehen wird. Die Hauptsorge damals: packen die Computer und ihre Programme den Übergang ins nächste Jahrhundert?
Von den Stadthügeln über Schwäbisch Hall konnte ich damals um 0 Uhr feststellen: Die Welt dreht sich weiter. Die Menschen feiern. Und liegen sich in den Armen.
Für mich sollten danach noch viele schöne Jahresübergänge folgen. Mehrere davon im Ausland.
Ich erinnere mich gerne an Melbourne in Australien. Mit Reisenden aus der ganzen Welt feierten wir damals im Hostel. Später lief mein Schulkollege Julian in einen poshy Club. Die zwei Türsteher stellten sich in den Weg. „You don’t know, who I am?“, sagte Julian völlig selbstbewusst. Schon im nächsten Augenblick waren wir zwei Jungspunde drin. Und feierten lange ins neue Jahr 2007.
In Schottland erlebte ich 2013 mit meinem Freund Betale das legendäre Edinburgh’s Hogmanay. In dieser Nacht tummeln sich über 100.000 Menschen in der Altstadt. Völlig unerwartet schenkte uns diesem Abend eine unbekannte Person auf der Straße zwei teure Tickets.
Es war der Eintritt für so viele friedliche, warme und liebe Seelen auf einem Fleck. Ich habe noch nie so viele fremde Menschen umarmt wie in dieser Silvesternacht.
Und natürlich haben wir uns auch an die höflichen schottischen Polizistinnen und Polizisten mit ihren schwarzen Hüten gedrückt.
Schön war es auch immer in der Ukraine. In Lviv habe ich gerne 2009 mit meinen Hostelfreunden auf dem weltberühmten Marktplatz gefeiert. Oder Israel 2019. Hier wird dieser Tag nur vom weltlichen Teil der Bevölkerung gefeiert. Die Gläubigen feiern an Rosch ha-Schana – einem anderen Datum. Fröhlich war es auch in Stuttgart. Immer schön mit Freunden Zuhause. Und speziell, als ich alleine in einem alten Gefängniswärterhaus neben der Kleincomburg ins neue Jahr geschlummert bin.
Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem wir wildfremde Menschen einfach umarmen und ihnen das Beste für das neue Jahr wünschen. Für viele erst möglich mit Alkohol. Ich wünschte, es ginge auch ohne.
Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem ich eine kurzzeitige gesellschaftliche Verbundenheit in meinem Land spüre. Abseits von Status. Politik. Der eigenen Blase.
Silvester – ein Tag voller Hoffnung. Auch Enttäuschung. Und später oftmals Ernüchterung.
Aber immer mit viel Begegnung(en).
Mit anderen.
Sich selbst.
