Wie so oft, nimmt diese Begegnung ihren Anfang im Bordrestaurant eines ICE’s.
Im Speisesaal ist es leer. Sofort fällt mir über zwei Reihen hinweg ein verdammt rotes Buch auf. Selbst die Kanten der Seiten sind rot. Dahinter versteckt sich das Gesicht einer jungen Frau.
Ich muss mich etwas anstrengen, aber mit zusammengekniffen Augen kann ich den Titel lesen: all about love.
Innerlich denke ich: Alles über Liebe? In einem kleinen roten Buch? Wie kann so ein Werk so einen anmaßenden Titel haben? Das interessiert mich!
Ich rücke deshalb zwei Reihen vor und teile der Leserin mein Interesse an dem roten Buch mit.
Konstantina kommt aus Griechenland. Sie liest das Buch auf der Rückfahrt von Berlin nach München. In der bayerischen Landeshauptstadt ist sie Yoga-Lehrerin. In Berlin war sie, um zu checken, ob ein Umzug für sie in Frage kommt. Konstantina bleibt auch nach dem Besuch unschlüssig.
Zum roten Buch kann die Griechin noch nicht viel sagen. Konstantina ist erst auf den ersten Seiten. Sie erzählt mir aber, dass es von der amerikanischen Feministin bell hooks geschrieben wurde.
Ich werde noch neugieriger. Und verspreche Konstantina, dass ich all about love lesen werde.
Der internationale Bestseller kam 1999 in Amerika auf den Markt. Erst seit 2021 ist das Buch auch auf deutsch erhältlich. Gesucht. Bestellt. Gelesen.
Bei so einem Titel ist die Fallhöhe natürlich immer hoch. Deshalb hat mich der Inhalt des roten Buches auch nicht umgehauen. Trotzdem war ich sehr dankbar, Alles über Liebe auf deutsch gelesen zu haben. Besonders wegen der feministischen Sichtweise. Eine Perspektive, mit der ich mich davor noch nie bewusst auseinandergesetzt hatte. Das rote Buch war der Startschuss. Seitdem geht die thematische Reise zum Feminismus in Form von ausgewählter Literatur und ausgedehnten Gesprächen mit meiner Partnerin, im Freundes- und Männerkreis für mich weiter.
Nach der Lektüre teile ich Konstantina meine Gedanken mir. Sie freut sich, dass ich mein Versprechen eingehalten habe. Und gesteht mir gleichzeitig ein, dass sie das Werk selbst noch gar nicht bis zum Ende gelesen hat.
An Ostern schreibe ich Konstantina eine frohe Oster-Nachricht. Keine Reaktion.
Die Nachricht kommt nicht an. Die Nummer vielleicht nicht mehr vergeben.
Menschen kommen und gehen im Leben.
Bücher bleiben.
