Ich liebe die Eisenbahn. Ganz besonders, wenn sie über schöne Brücken fährt. Deshalb laufe ich am Morgen über die Forth Road Bridge. Von South Quensferry über den Firth of Forth nach North Queensferry in Schottland. Hier steige ich in den Zug, der wieder zurück über die berühmte zweigleisige Eisenbahnbrücke Forth Bridge nach Dalmeny fährt. Das 2,5 Kilometer lange Tragwerk aus rot bemaltem Stahl ist Weltkulturerbe.
Als ich am Bahnhof aussteige führen mich die Serpentinen zu einem Steinhaus mit rotem Tresen und roter Jalousie. Dalmeny Deli heißen die geschätzt acht Quadratmeter, an denen jeder Reisende hier vorbei muss.
Ich bestelle nach diesem schönen Ride einen frischen Espresso. Der Mann an der Kaffeemaschine strahlt seit der ersten Sekunde meiner Ankunft eine Sympathie, Ruhe und Freundlichkeit aus, die mich gerne verweilen lässt. Ich stelle meinen Rucksack an der Fassade ab. Sitzmöglichkeiten gibt es keine.
Stewart und ich kommen ins Gespräch.
Der Besitzer fragt mich, wie mein Tag war, was ich hier mache und wo ich eigentlich herkomme. Ich frage den Schotten alles zu seinem kleinem Laden. Zu Snacks. Lieferanten. Kaffee.
Immer wieder mache ich Platz für Gäste, die an der roten Theke etwas bestellen wollen. Stewart kennt viele von ihnen. Er öffnet schon um 7 Uhr morgens – ein Alleinstellungsmerkmal in der Gegend. Er will seiner Community mit diesem Ort etwas zurück geben. Und ich sehe an seiner aufmerksamen Präsenz, dass Stewart in seinem Dalmeny Deli am absolut richtigen Ort dafür ist.
Viele seiner Gäste kommen jeden Morgen. Heute holen sich viele noch einen frischen Kaffee bevor sie zum Edinburgh Festival aufbrechen. Eines der größten Festivals der Welt mit entsprechend vielen Besuchern. Sind die Züge abgefahren, gibt es für uns beide wieder mehr Zeit für Gespräche.
Stewart erzählt mir, dass er in den nächsten Wochen nochmal Vater werde. Seine zweite Frau komme aus Botswana.
„Wo hast du sie kennengelernt?“
„Genau hier!“, sagt Stewart und zeigt jetzt auf einen konkreten Platz vor der roten Ladentheke.
Erste Begegnung: Sie bestellt einen „Cup of Milk“. Stewart hat diesen Wunsch nicht auf der Karte. Etwas widerwillig gab er ihr dann doch den Kaffeebecher voll mit Milch. Stewart verlangt eine Pound dafür. Er brauche je schließlich die Milch für seine Kaffeekunden, so seine Begründung.
Zweite Begegnung: Monate später. Stewart bereitet gerade einen Kaffee an seiner Maschine zu.
Rücklings erkennt er sofort ihre Stimme. Normal mache er immer eine strikte Trennung zwischen Kunden und seinem Privatleben. Diesmal will Stewart ihr aber seine Nummer geben.
Dritte Begegnung: Monate später. Sie schreibt ihm eine lange Nachricht. Und will mehr. Von der ersten Milchbestellung bis zur Beziehung dauerte es genau acht Monate. Wegen Covid konnte sie ihn in Schottland nicht besuchen. Stewart schaffte es dagegen nach Botswana. Aus einem geplantem Kurzbesuch in Afrika, werden es für ihn wegen einer Reisesperre in Zeiten der Pandemie nochmals acht wunderschöne Monate zu zweit. Die beiden leben auf einer Farm, umgeben von Hühnern, Ziegen und Schwarzen Mamba’s.
Stewart verlässt jetzt seinen beengten Platz hinter der Theke und tritt hervor. Mit raumgreifenden Bewegungen beginnt er mir und einer anderen Kundin von seiner Heldentat in Afrika zu erzählen. Damals habe er mit einem Spaten geistesgegenwärtig und mutig eine Schwarze Mamba erlegt. Die Schlange, die über vier Meter lang werden kann, hatte sich in ihren umzäunten Compound geschlichen – mit vielen spielenden Kindern darin. Botswana ist nicht Schottland.
Als ich meinen Rucksack wieder aufnehme, weiß ich: Stewart werde ich noch öfters besuchen. Daily Dalmeny Deli.
Als ich meine Verfassung im Wald schreibe, mache ich im Regen wieder halt bei Stewart. Zufällig ist es sein Geburtstag. Ich gratuliere. Zu meinem Espresso gibt es einen reichen Choc Brownie for Free.
Am nächsten Morgen bin ich um 7.20 Uhr wieder an seiner roten Theke. In meiner Hand Espresso und Zimtschnecke. Ganz ungezwungen haben wir uns immer was zu sagen. Stewart erzählt mir, dass er noch zwei Jahre hier stehen will. Dann will er nach Botswana zu seiner Frau. Seinen Lebensabend genießen.
Wenn es ums Genießen geht, hat Stewart schon früh Prioritäten gesetzt. Immer schon um 14 Uhr macht er sein Cáfe zu. Auch sein Feierabend will genossen werden.
Ein letztes Mal lade ich meine schottischen Gastgeber Chris & Ann zu Dalmeny Deli ein. Nachdem wir ihren Sohn Alexander gemeinsam zur Schule gebracht haben, spendiere ich eine Runde Kaffee für alle. Stewart spendiert dagegen immer Leckerli für alle Hunde. Mit ihren Pfoten stemmen sie sich dann an der roten Theke hoch und kratzen daran voller freudiger Erregung. Der Anblick ist immer ein schönes Schauspiel.
Und natürlich dauert es nicht lange, bis Bekannte von meinen Freunden kommen, stehen bleiben, miteinander sprechen. Mein Freund Chris und Stewart kennen sich auch. Wunderbare Menschen vor einem kleinen Kaffeeshop an einer kleinen Bahnstation. Ich liebe es!
Menschen, die hinter einer Ladentheke stehen, gibt es viele. Jene, die einen im Kontakt wirklich wahrnehmen, zuhören und helfen – deutlich weniger. Stewart ist so eine positive Ausnahme. So dankbar mit ihm Zeit, Geschichten und Kaffee geteilt zu haben.
Den Pound hat er seiner Frau übrigens wieder zurückgegeben.
